Dienstag, 22. August 2017
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Gern sehe ich mir immer mal wieder Webinars an – manchmal neben einer Routine-Tätigkeit am PC.

Heute zeigte ein Anbieter sein Tool, dass auch für Scrum „customisiert“ werden kann. Der Vortragsstil war locker und flüssig. Der Scrum-relevante Inhalt zunächst unscharf, manchmal verdreht, zum Teil erschreckend falsch.

Überraschend? Inzwischen (für mich) nicht mehr!

Überall steht „Scrum“ drauf

Was heute so alles in freier Wildbahn in Scrum hinein interpretiert wird, ist schon grotesk.

Als bekennender Scrum-Hardliner [1] habe ich nichts dagegen, wenn man für sein Vorhaben einzelne Elemente in cherry-pickender Art von Scrum nutzt. Nur, wenn man diese Beliebigkeit von Ansammlungen unterschiedlicher Methoden-Herkunft und deren willkürliche inhaltliche Ausgestaltung dann auch noch oberlehrerisch

„So macht man das in Scrum!“

in die weite Welt posaunt [2], spätestens dann schrillen bei mir die Alarmglocken – und diese läuten immer häufiger.

Diese freien Interpretationen [3] noch Scrum zu nennen, schadet leider sehr im Speziellen diesem und im Allgemeinen anderen exzellenten Frameworks oder Methoden (z.B. Agile).

Warum wird heute Alles und Nichts als Scrum verkauft?

Ich bin der Überzeugung, dass man erst einmal sein Handwerk lernen sollte – Stichwort: „Shu Ha Ri“ [4].

Wie schon z.B. im Artikel → „Scrum Master Pairing“ geschrieben, meine ich damit ausdrücklich nicht eine Pseudo-„Ausbildung“ von zwei oder drei Tagen, bei der man seine Anwesenheit im Rahmen einer Info-Veranstaltung zertifiziert [5] bekommt und anschließend via Ritterschlag zum „XYZ-Master“ oder „ABC-Professional“ ernannt wird.

Wir haben hier ein inflationäres Qualitäts-Problem!

Im Rahmen einer wirklichen Ausbildung(!) wird Wissen und Erfahrung „aus-ge-bild-et“ – man erhält die Chance dazu. Und dies dauert mehr als die o.g. mageren paar Tage. Im Rahmen von Wochen, Monaten und Jahren wird man die „Shu Ha Ri“-Phasen, teils schmerzhaft, durchleben müssen.

Erst dann hat der Einzelne (Scrum Master) die Möglichkeit erstens die Methodiken richtig zu lernen und zweitens sein Mindset von einem → Cargo-Cult-artigen „Do Agile / Scrum“ in ein bewusstes „Be Agile / Scrum!“ und damit in eine entsprechende Excellence „aus-zu-bild-en“.

Lessons Learned

Damit Scrum (und Agile und Kanban und XP und …)  nicht noch mehr verbogen wird, müssen Ausbildungen her, die wirklich diese Bezeichnung verdienen.

Ganz zarte Bewegungen im Markt nehme ich inzwischen war. Das Thema Scrum-„Aus-bild-ung“ wird künftig (für mich) eine von vielen Herausforderungen werden…

about "Boeffi" ...CU
@ Boeffi  .net     aktualisiert am 23.07.2016

 

[1] Schade, dass man als Hardliner sehr schnell in die Dogmatiker-Schublade gesteckt wird, ohne dass die Hintergründe beleuchtet werden.

[2] Impuls für diesen Beitrag war das eingangs erwähnte Webinar, das nur als Beispiel dient. Solche Veranstaltungen bergen die Gefahr diese Art Pseudo-Wissen zu verbreiten – und dies als Multiplikator. Zumal, wenn einem Tool-Anbieter ein gewisse (Scrum-) Kompetenz unterstellt wird.

„Verbiegungen“ erleben wir auch immer häufiger im Rahmen der → „Scrum Audits“ (xing.com). Aber hier ist man direkt vor Ort und kann unmittelbar helfen – und korrigieren.

[3] Es wird gern argumentiert, dass man doch Scrum auf den jeweiligen Kontext anpassen müsse. Dies ist absolut richtig!

Nur, dann bitte mittels eines vollständigen und korrekten Scrums. Ein kurzfristiges „Ausbüchsen“ vom Weg ist dabei legitim, wenn anschließend die jeweilige Abweichung erkannt, reflektiert und im tatsächlichen Scrum-Sinn angepasst wird. Ausdrücklich immer mit der transparent nachvollziehbaren Offenheit, dass Scrum als Framework im aktuellen Kontext oder der aktuellen Kontext-Reife [4] (noch) nicht das richtige Mittel ist.

Hierbei ist mein Verständnis von „Framework“, dass es eine kontext-spezifische voll-umfängliche Umsetzung [6] [7] benötigt!

Damit meine ich explizit nicht die Beliebigkeit des cherry-pickenden Das-nehmen-wir-dies-nicht, die man heute unter der Überschrift „Scrum“ immer häufiger antriftt. Dies ist allenfalls Scrum-but und man sollte/darf das Wort „Scrum“ in diesen Interpretationen (bitte!) nicht nutzen.

[4] → Shu Ha Ri – Fehlt ein Mindset?

[5] → „Sinn und Unsinn von Zertifikaten“ on → openPM

[6] Hilfestellende und brücken-bauende Stichwörter für Softwerker: Implementierung von Interfaces / Abstract Types (syntaktisch und semantisch!)

[7] „Die Rollen, Artefakte und Ereignisse von Scrum sind unantastbar. Obwohl es möglich ist, nur Teile von Scrum zu implementieren, ist das Ergebnis nicht Scrum. Scrum existiert nur in seiner Gesamtheit“ (→ Scrum Guide 2011)

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Wilhelmine Wulff →