Samstag, 22. September 2018
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"Cross-Functional" Team — Falsch interpretiert

Team Smell: In der agilen Welt (Lean Thinking, XP, Scrum, Kanban, …) werden „Cross-Functional“ Teams empfohlen bzw. gefordert und gefördert.

Dieser Begriff wird jedoch sehr häufig fragwürdig interpretiert, verstanden und vor allem gelebt – sowohl in den betroffenen Teams selbst, als auch auf (Projekt-) Management-Ebene.

Ein Blickwinkel.

Die von mir beobachtete Auffassung zu Cross-Functional Teams ergibt nicht selten, dass alle Team-Mitglieder über die selben fachlichen oder technischen Skills verfügen müssten. Erst dadurch würde ein wesentlicher Vorteil von Agilität ermöglicht.

Diese Fehldeutung führt nicht selten zu hohen Kosten. Es wird krampfhaft versucht, alle Team-Mitglieder über viele Projekt-Wochen und Monate mühsam auf das selbe KnowHow-Level zu bringen – ein fragwürdiger und erst recht kein agiler Ansatz im Sinne „Lean“. Dies führt oftmals dazu, dass ein agiles Projekt durch diesen konzentrierten und immensen Aufwand, insbesondere unter den kritischen Augen des Managements, keine nachhaltige Wertschätzung erfährt. Vorteile sind kaum erkennbar. Bei agilen Pilot-Projekten ist der Anfangs-Bonus schnellstens verbraucht.

Woher könnte dieser Fehlschluss kommen?

Im Rahmen einer Betrachtung von Risiko und Design-Optimierung (→ „Emergent Design„) kann man im Regelwerk des → Extreme Programming’s (XP) den Begriff → „Collective Ownership“ finden. Kurz: jeder Programmierer ist berechtigt und wird ermutigt jeden Codierabschnitt zu ändern oder mit neuer Funktionalität zu erweitern, Fehler zu beseitigen, das Design zu optimieren und [natürlich im Sinne von → CleanCode] zu refaktorieren. Damit dies funktionieren kann, gibt es u.a. ein Sicherheitsnetz mittels → UnitTests – Zielidee ist, dass diese Tests für alles neue oder geänderte immer zu 100% erfolgreich durchlaufen werden.

Aber bedeutet Collective Ownership dann auch zwangläufig, dass jedes Team-Mitglied Experte von allem sein muss ?

Ich denke: nein !

Solche Fähigkeiten von Team-Mitgliedern kann man keinem [Manager] sinnvoll verkaufen, und von keinem Team-Mitglied fordern. Dies widerspricht jeder Erfahrung – im privaten Bereich, wie in der Arbeitswelt. Hier wird die Idee aus der XP-Welt unreflektiert übernommen und konterkariert.

Was ist denn nun ein „Cross-Functional“ Team ?

Leitet man direkt über die Terminologie ab, kommt man schnell zu folgender Erkenntnis:

    der Begriff lautet nicht(!) „Cross-Functional“ Team-Member,
    sondern „Cross-Functional“ Team.

Dies kann zu folgender Definitions-Empfehlung führen:

Ein „Cross-Functional“ Team ist eine Gruppe von einzelnen Experten.
Jeder hat sein Spezialgebiet.
Alle Skills zusammen ermöglichen dieser Gemeinschaft
– als → emergentes Team –
ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

Hierzu gibt es nach unzähligen Dialogen mit meinen „Agile“ Kollegen – mit vielen sinn-verwandten Formulierungen – einen Konsens.

Weiterhin fördert diese Beschreibung auch eine Umstellung von horizontalen auf vertikale Teams, von „component-based teams“ hinzu „feature-based teams“ – eine mit traditionellem Projekt-Denkansatz häufig für unmöglich, unwirtschaftlich und unsinnig gehaltene Optimierung.

Skill-Mix ?

Als Risiko-Würdigung z.B. zum Thema Urlaub, Krankheit, Kündigung, etc. ist bei den Team-Mitgliedern untereinander zweifelsohne eine Skill-Überschneidung sinnvoll. In Erweiterung einer → „Bus Factor / Truck Factor„-Idee oder eines Kollegen-„Backups“ könnte eine Empfehlung für eine Retro-Zielformulierung sein:

Wir erreichen einen ‚3-2-1‘ Skill-Mix innerhalb von x Wochen !

Wird das Ziel erreicht, kann das Team auch dann noch erfolgreich liefern, wenn der Haupt-KnowHow-Träger (mit 3 Wissens-Anteilen) plötzlich ausfällt und von seinen Team-Mitgliedern (mit 2 und 1 Wissens-Anteilen) adäquat ersetzt werden kann.

Passend zum Thema:

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@ Boeffi  .net     aktualisiert am 24.05.2018

 

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