Donnerstag, 20. Juli 2017
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Paradigmen-Wechsel — Scrum Master Pairing ? !

Immer wieder wird mir deutlich: bei der Aus- und vor allem permanenten Weiterbildung von Scrum Mastern [SM] besteht erhebliches Optimierungspotential.

Unterbewusst treibt mich die Frage schon lange: wie kann man einen stetigen und nachhaltigen Verbesserungsprozess auch für die Fähigkeiten der SM erreichen ? [1]

Die SM-Rolle in Anlehnung an die Scrum Alliance:

Ein ScrumMaster ist ein fördernder Team-Leader,
der dem Unternehmen und seinem Scrum-Team hilft
– auf dem gewählten Scrum-Weg zu bleiben und
– entsprechende Hindernisse zu beseitigen.

Der Fokus liegt hiermit bei der Team- und Unternehmens-Unterstützung.

Scrum Master „Ausbildung“: heute

Aktuell begegnet man vielen Kollegen, die als Scrum Master an einem klassischen 2-Tage-Workshop teilgenommen haben – wenn man Glück hatte, waren dies sogar drei Tage. Eine mehr-monatige oder gar längere Ausbildung sind mir heute nicht [mehr] bekannt.

Teilweise erhält man in diesen Intensiv-Kursen sogar eine Zertifizierung („Certified ScrumMaster“ (CSM) , „certified by …“). Leider ist immer noch verbreitet, dass man via → Ritterschlag oder durch → Handauflegen zum Certified ScrumMaster „ernannt“ wird – manchmal wird noch ein Test mittels eines Multiple-Choice Fragebogens angeboten – man wird aber immer ohne jede Praxis-Erfahrung auf die Menschheit, d.h. die Teams, die Projekte und Unternehmen, losgelassen.

In den Workshops der bekannten, etablierten Anbieter und erfahrenen Coaches werden notwendige und sinnvolle, hoch-karätige Grundlagen vermittelt. Diese sind als Impulse für den eigenen künftigen agilen Weg sehr wertvoll. Aber mehr natürlich auch nicht. Es bleibt bei Impulsen – und damit bei einer Selbstverantwortung für den eigenen agilen Fortschritt.

Die Veranstaltungen sind überwiegend nach dieser Lern-Weisheit aufgebaut:

„Erkläre es mir und ich werde es vergessen.
Zeige es mir und ich werde mich erinnern.
Lass es mich selber tun und ich werde es verstehen.“
– Konfuzius

Leider werden die SM-Seminare sehr schnell von den Unternehmen, die ihre Mitarbeiter dort hin schicken [oder von den Teilnehmern selbst], paradoxerweise mit „Ausbildung“ gleichgesetzt – und so gelebt. [2]

Enttäuschungen bei den Beteiligten, dass es nicht richtig (oder womöglich garnicht) läuft, sind schnell die Konsequenz.

Der Seminarmarkt überflutet die Projekte – inzwischen inflationär – mit zum Scrum Master „ausgebildeten“ Mitarbeitern.

Ausgebildet ? Kann sich in zwei Tagen ein Scrum- oder Agile-Mindset ausbilden?
Sicher nicht.

Leider erlebe ich immer häufiger, dass sich ein erheblicher Anteil der Teilnehmer auf dem einmaligen Workshop-Besuch ausruht. Der ein oder andere macht vielleicht anfänglich noch einige selbst initiierte Erfahrungen im Projekt oder Konzern – er fehlt aber bedauerlicherweise oftmals an einer qualifizierten Weg-Begleitung durch einen erfahrenen Kollegen oder externen Coach – und, nach dieser Unterstützung wird auch nicht verlangt.

Kokketierender und stolzer O-Ton eines klassischen Gesamt-Projektleiters: „… ja, ja, Scrum Master bin ich auch … habe ich auch mal gemacht … bin sogar Certified ScrumMaster … habe außerdem einen Fragebogen bestanden … “ [schade, dass er im Alltag nur „Meilensteine reiten“ konnte und zumindest Scrum bzw. Agile nicht verinnerlicht bzw. verstanden hattet].

Ich sehe immer wieder, dass nur ein kleinerer (elitärer?) Kreis von SM Eigeninitiative zeigt, regelmäßig an Konferenzen, Tagungen und Kongressen oder → Unkonferenzen teil nimmt – und das Agile-Mindset lebt !

Aber selbst SM mit stetiger agiler Neugierde erfahren im Alltag Abstumpfung … werden betriebs-blind. Feedback über Team-Retrospektiven gibt es eher selten.

„Continuous Improvement“ für Scrum Master ?

Wie könnte ein → „Continuous Improvement“ [CI]-Ansatz auch für nachhaltige Qualitätsverbesserungen von SM realisiert werden?

Die Praxis zeigt immer wieder: entscheidend ist, dass es nicht nur bei oben geschilderten Anfangs-Impulsen bleiben darf. Es muss eine effektive Begleitung in die Entwicklung einer Methoden-Kompetenz und „agiler Reifung“ erzielt werden.

Die Möglichkeit über klassische Zusatz-Trainings sind im Seminar-Markt rar. Der Fokus liegt bei den üblichen und häufig nur initialen 2-3 Tage Angeboten mit den eingangs skizzierten Zertifizierungs-Arten. Die Einsicht bei den Unternehmen darüber hinaus Weiterbildung zu fordern und zu fördern ist bisher nicht konkret spürbar, so dass die Workshop-Anbieter [noch?] keine Notwendigkeit für entsprechende Angebote sehen. Ferner wird das Thema „Mitarbeiter-Qualifizierung“ in der Praxis häufig derart gelebt, dass alle paar Jahre mal eine Schulung genehmigt wird [selbst wenn das Management andere Leitsätze vorgibt, werden diese oftmals tatsächlich nur bedingt umgesetzt].

Als SM und AgileCoaches vermittlen wir, dass der Erfolg von Scrum u.a. auf dem „Inspect and Adapt“-Prinzip besteht. Wir begleiten die Unternehmen mit kontinuierlichen Verbesserungsprozessen und richten auf mehreren Ebenen – möglichst kurze – Feedback-Schleifen ein (Daily, Sprint, Reviews, Retros … hoffentlich noch auf weiteren Ebenen, wie z.B. → TDD etc.)

„Machen wir’s doch nach unseren eigenen agilen Grundsätzen !“

… und leben als „agile Normalität“, dass alles unter dieser „Inspect and Adapt“-Idee steht – natürlich auch die Tätigkeiten der SM selbst.

Gute Praxis-Erfahrungen haben meine Kollegen und ich – angelehnt an das Regelset aus der → „Extreme Programming“ Welt – mit dem Feedback regelmäßiger „Scrum Master Pairings“ gemacht. Durch diese Vorgehensweise ist bei sämtlichen alltäglichen Scrum Master-Aufgaben ein zumindest geübter Kollege, mal passiv im Hintergrund [analysierend], mal aktiv moderierend [und Beispiel gebend], dabei.

Das immer wieder durchgeführte Pairing mit – internen wie externen – Scrum Master-Kollegen ermöglicht über entsprechende Feedback-Schleifen eine kontinuierliche Verbesserung – bei den Fähigkeiten im Sinne einer Scrum- oder agilen Reife im allgemeinen und bei der Beseitigung von Betriebs- oder Projekt-Blindheit im speziellen.

Als günstig hat sich eine Art → „Round Robin“ Vorgehensweise gezeigt. Zusätzlich genutzt wird neben dem eher seltenen Team-Retrospektiven-Feedback [natürlich!] das Potenzial eigener Scrum Master-Retros – mit großem Erfolg.

[selbstverständlich ist Pairing bei nur kleinen Projekten mit manchmal nur einem SM schwierig – hier könnte ein externer SM regelmäßig begleitend hinzugezogen werden]

Lessons Learned ? !

 

„… Lass es mich selber tun und ich werde es verstehen …“

ist ein bedeutsamer Aspekt. Nicht selten bleibt aber die Frage unbeantwortet: „Wo bleiben die Verbesserungs-Hinweise eines erfahrenen Coaches nach dem anfänglichen Input der gängigen 2-Tage-Workshops ?“. Eigene Newbie-SM-Fehler kann man selbst nur schwer erkennen. Woher sollte man „es“ auch wissen?

Eine Scrum Master Aus- und Weiterbildung steht bei den Unternehmen und betroffenen SM in der Regel nicht im Fokus. Neben der nur vordergründig kosten-intensiven Coaching-Variante hilft mindestens ein regelmäßiges „Scrum Master Pairing“ mit kundigen Kollegen. Folge ist eine erhebliche positive Hebelwirkung (oder eine sehr negative bei Nicht-Beachtung).

Zusätzlich ist eine Art „Scrum Master-Team-Bildung“ förderlich. Dies ist jedoch ein langer, teils steiniger Weg – vielleicht weil diese Herangehensweise für die Scrum Master-Definition an sich noch nicht üblich ist?

Ein Nachhaltigkeits-Konzept mit einer Reifungs-Perspektive für agile Vorgehensweisen muss her. Die Unternehmen müssen gemeinsam mit den Scrum Mastern dringend etwas tun. Ansonsten wird [→ auch hier ?] das Potenzial des Scrum-Frameworks verschenkt.

„Scrum Master Pairing“:
ein erster, wichtiger Schritt, der sich lohnt !

about "Boeffi" ...CU
@ Boeffi  .net     aktualisiert am 20.06.2015

 

Passender Impuls:
→ Mitarbeiter können alles …

[1] „Continuous Improvement“ selbstverständlich nicht nur für Teams … diese Einstellung ist noch zu selten im Fokus, wird aber immer häufiger gefordert, z.B. @AgileForAll → Retrospectives aren’t just for teams. Everyone (incl. Product Owner and ScrumMaster) should think „How will I be better next sprint?“

[2] das gilt natürlich nicht nur für Scrum Master-Seminare; der Standard-Fall: z.B. „5 Tage Java-Programmierung“ [eher Crash Course] … und am ersten Arbeitstag erwartet der Chef für sein Geld eine „Ausbildung“ zum Java-Experten 😉

Medien- / Artikelbilder-Nachweis: Danke an und © siehe » 
marfis75

5 Kommentare

  1. Daniel

    Hallo Boeffi,
    Ich lese deine Artikel gern und kann dir nur zustimmen. Meine Erfahrungen in unserem Unternehmen sind auch leider nicht arg anders auch wenn wir fast soweit sind flächendeckend Mentoring einzuführen bei dem sich die „alten SM Hasen“ der neuen Kollegen annehmen.
    Was mir fehlt sind qualitative Schulungen. Ich habe in deinem Artikel glaube ich ein „fast nur“ zwischen den Zeilen gelesen – „Der Fokus liegt bei den üblichen und häufig nur initialen 2-3 Tage Angeboten…“
    Kannst du gute Konferenzen und Schulungen zur Weiterbildung nennen?
    Danke und Grüße, Danny

    Antworten
    • Boeffi

      Lieber Daniel,

      ich freue mich über Dein positives Feedback zu meinen Artikeln.

      Für (auch euer) Unternehmen kann ich aus der Sicht vieler „klemmender“ oder gerade scheiternder bzw. gescheiterter Scrum-/Agile-„Projekte“ (zu denen ich seit Jahren immer mehr als Agile-Notfall-Seelsorger, Therapeut und Firefighter um Hilfe gerufen werde) nur empfehlen, dass ihr eure Energie und Hebel ganz „oben“ ansetzt. Die Verantwortlichen (Business Owner) müssen so begleitet werden, dass Nutzen und Benefit sich quasi von allein aufdrängen und sie verstehen, dass der Fokus auf Methoden, Prozesse und Tools kaum hilft (Stichwort „Cargo Cult“) oder Menschen (AKA Mitarbeiter) letztendlich de-motivert, sogar das gemeinsame Scheitern geradezu fördert. Erst ein Verständis innerhalb der bisherigen Führungsebene, dass sich initial die (agile) Haltung über Werte, Prinzipien und (eine ehrliche Fehler-) Kultur ändern muss(!), ermöglicht eine sinnvolle und wirkungsvolle Unterstützung der Menschen – ohne Lippenbekenntnisse. Hol Dir dazu einen (externen) Agile/Business Coach bzw. Agile Transition-Spezialisten, der (nicht nur Honorarsätze abrechnen möchte, sondern) ein ehrliches Interesse an euren Menschen hat, gemeinsam mit euch erfolgreich zu sein – und sich daran auch messen lässt.

      Zum Thema qualitative Schulungen möchte ich Dir nichts empfehlen, obwohl ich sehr gute Trainer und Coaches kenne. Ich sehe leider nirgends Konzepte, die sich ehrlich (!) und nachhaltig (!) um das Thema „Ausbildung“ kümmern. Auch nach Jahren fühlt es sich immer noch so an, als wenn das „schnelle Geld drucken“ zu sehr im Vordergrund stehen würde. Und das scheint zu funktionieren. Leider.

      Bei vielen unter uns „alten Hasen“ bestätigt sich immer häufiger die Erkenntnis, dass man sich die eigene (Lebens-) Zeit und das Geld für die diversen „Zertifizierungsevents“ sparen kann. Diese „Infoveranstaltungen“ machen sicherlich Spaß und bringen gute Laune. Für den dann kommenden Alltag sind diese allein kaum brauchbar und schüren falsche Erwartungshaltugen – bei den Teilnehmer dieser Events, und bei den „Chefs“, die einen dort hingeschickt haben.

      Parallel zu den o.g. (externen) Kräften ist eine intensive Vernetzung über den Besuch der zahlreichen Community-Veranstaltungen da viel effektiver und effizienter. (M)Einen kleinen Ausschnitt findest Du hier: http://boeffi.net/events/

      Danke nochmals für Deinen Kommentar…

      CU
      Boeffi

      Antworten
  2. Gilda

    Hallo Boeffi!
    Du greifst da ein wichtiges Thema auf! Auch ich habe mehrfach die Erfahrung gemacht, dass „fertige“ ScrumMaster in Ihrem Unternehmen eine komplette Implementierung übernehmen mussten und damit (verständlicherweise) total überfordert waren.

    Ich finde dein Pairing-Ansatz gut. Ich dachte auch schon an Mentoring als unterstützende Methodik. Aber es muss ein umdenken stattfinden- da bin ich ganz deiner Meinung!

    Werde das Thema, auf jeden Fall, weiter treiben!

    Gruß Gilda

    Antworten
    • Boeffi

      Liebe Gilda,

      herzlichen Dank für Deinen Kommentar.

      Zwei bis drei Tage „Zertifizierung“ reichen nicht aus – natürlich, wie überraschend. Diese Veranstaltungen können lediglich Impuls dafür sein, sich nun intensiv mit den agilen Themen auseinander zu setzen und einen stetigen Lern-Weg basierend auf den Agile- und Scrum-Werten zu beschreiten.

      Leider ist für viele Scrum Master der Weg bereits erfolgreich beschritten, wenn sie im Alltag die einzelnen Scrum Artefacte (routiniert, mechanistisch) begleiten. Dabei werden diese häufig nur im Cargo-Cult-Stil (http://boeffi.net/?s=cargo+cult) praktiziert, ohne den Sinn und den Zusammenhang im Scrum-Framework richtig zu verstehen. Häufig ist dies sogar noch eine Vorstufe zu „Do Agile“ – und, der Weg hin zu „Be Agile!“ ist noch nicht einmal ein Ziel (Stichwort: Shu-Ha-Ri http://boeffi.net/?s=shu+ha+ri).

      Beim Scrum Master-Pairing haben wir gelernt, dass es für ein gemeinsames Lernen ganz sinnvoll ist, Scrum Master mit unterschiedlichen Reife-Graden zu „pairen“. Lernen kann jeder von jedem, auch der Erfahrenere von dem weniger Erfahrenen.

      Ich freue mich, dass auch Du an dem Thema dran bleibst…

      CU
      Boeffi

      Antworten

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